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16. Mai 2020

Kunstgenuss im virtuellen Kunsthaus
… und hoffentlich in Zukunft im realen Kunsthaus am Eichplatz

Herzlich willkommen zum Jenaer Kunsthausfrühling im virtuellen Kunsthaus.


Sigmar Polke: Künstler kämpfen... (1979, Collage, Farboffsetdruck, Kunstsammlung Jena)

 

Hören Sie hier unseren (unten stehenden) Text zum Bild:

Willkommen zur 6. Ausgabe in der Reihe KunsthausFrühling!

Mein Name ist Anne Risse und ich möchte Ihnen ein weiteres Werk aus der Sammlung von Dorothee Opitz-Hoffmann vorstellen.

 

Sie betrachten den signierten Farboffsetdruck einer Collage des Künstlers Sigmar Polke aus dem Jahr 1979 mit dem Titel: „Künstler kämpfen….“.

Polke fertigte die Collage in seinem Atelier in Köln als Einladungskarte für seine Ausstellung am 14.12.1979 in der bekannten Galerie Klein in Bonn.

In einem Telefongespräch mit Erhard Klein berichtete er mir davon, wie der Künstler in seinem Beisein die Collage zusammenstellte und ihm die Arbeit anschließend als Druckvorlage überließ. Das Original befindet sich heute in seiner eigenen Kunstsammlung. Polke deklarierte eine begrenzte Anzahl von nicht gefalteten Einladungskarten als Originaledition und signierte diesen Teil der Drucke persönlich. „Er war ja auch ein Schelm“ verriet Erhard Klein.

So gelangte ein Werk auch zu Frau Opitz-Hoffmann, die mit der Galerie Klein in enger Verbindung stand. Zahlreiche andere Arbeiten von sehr namenhaften Künstlern, die in der Galerie ausstellten, konnte sie dadurch in ihre Sammlung aufnehmen. Umso mehr gereicht es der Kunstsammlung Jena zur Ehre, diese Kunstwerke übergeben bekommen zu haben. Persönlich nach ihrem Motiv dafür befragt, äußerte Frau Opitz-Hoffmann den großen Wunsch, dass diese wunderbaren Arbeiten in einem Kunsthaus für Jena der Öffentlichkeit gezeigt werden können.

Kehren wir nun zurück zum Bild von Sigmar Polke.

Kaum vorstellbar, dass seit der Fertigstellung seiner Collage mehr als 40 Jahre vergangen sind. Alle Bildteile, die für diese Arbeit ausgewählt wurden, stammen aus Zeitschriften, die Sigmar Polke in seinem Atelier vorfand und ihm zufällige Zutaten lieferten. Diese stellte er nach dem Prinzip des gestalterisch passenden Übergangs zusammen, ließ aber den Bedeutungsübergang bewusst nicht zu. Wenn es plötzlich gelingt, Wort und Bild in einer logischen Einheit zu erspähen und das Bedürfnis nach Bedeutungstransparenz wächst, wird man doch mit einem Schmunzeln auf den Lippen daran erinnert, dass der Betrachter hier bewusst und humorvoll völlig in die Irre geführt werden soll.

Einzig und allein die wesentlichen Informationen zu seiner Ausstellung werden handschriftlich flott, aber sehr wirksam im Bild platziert und geben ihm einen festen Bezug zur Wirklichkeit, während alles andere im Chaos zu verschwimmen scheint. Der Titel, der sich offenbar aus einem auffällig eingearbeiteten Teil der Überschrift eines Zeitungsartikels ergab, könnte als Hinweis auf die bevorstehende Ausstellung betrachtet werden. “Künstler kämpfen…,“ – Wofür, wogegen und womit? Fast ist man geneigt, Parallelen zur gegenwärtigen Lage der Künstler und aller anderen Kulturschaffenden zu ziehen und sich tiefsinnig auf das Thema einzulassen.

Liest man aber zum Beispiel die nächsten Zeilen, erkennt jeder sofort, dass die eigentliche Triebkraft der Gestaltung ein unbändiger Humor des Künstlers war.

Die Arbeiten von Sigmar Polke begeistern immer durch ihre Vielschichtigkeit, Gewitztheit und spezielle Poesie. Eine Vielzahl von außergewöhnlichen stilistischen und inhaltlichen Aspekten siedeln sein Werk zwischen Parodie und Provokation an. Spielerisch mischte Polke immer wieder Tiefsinn mit Nonsens. Was Sigmar Polke zeigen wollte, zeigte er wie beiläufig. Experimentierfreude und Stilpluralismus zeichneten sein Schaffen aus. Inspirationen in Zeiten der Moderne und der medial erschlossenen Welt führten dazu, dass der gestandene Ironiker in Polke am stärksten hervortrat. Das heilige Geschäft der Malerei wurde mit seinen Albernheiten und seinem hintergründigen Humor auf dadaistische Weise hintertrieben und dabei gute Laune produziert. Darüber hinaus verweigern seine Werke sich standhaft dem Trugbild eines unmittelbar verfügbaren Sinns.

All dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns immer auf dem Boden der „nackten Tatsachen“ befinden. Polke ließ sich sowohl auf den Geist vergangener Epochen, als auch auf die aktuelle politische Situation ein. Der Fotoapparat oder die Filmkamera im Anschlag waren unerlässliche Zutaten seines Auftretens, um als amüsierter Beobachter die Übersicht zu behalten, um Abstand zu wahren und das Gegenüber dennoch zu fixieren.

Viele seiner frühen Werke rücken die Konsumwelt und Alltagsprodukte in den Mittelpunkt. Noch als Student der Düsseldorfer Kunst Akademie begründete Sigmar Polke zusammen mit Gerhard Richter und anderen in ironischer Anlehnung an die sozialistische Staatskunst der DDR und in kritischer Auseinandersetzung mit der von der westlichen Warenwelt geprägten Pop Art den „Kapitalistischen Realismus“.

Polke folgt einem Lebensgefühl, das die Zerrissenheit zwischen der Welt der Ideen und der Macht der Realität dokumentiert und zwischen der Ästhetik des Schönen und des Unberechenbaren der Gefühle hin- und hergeht. Seine Denk- und Versteckspiele führten dazu, dass sich das Werk Polkes jeglicher Kategorisierbarkeit entzieht. Ständige Übergänge von Form, Material, Stil und Technik und die sich parallel vollziehenden Bedeutungserweiterungen sprechen eine ganz eigene Sprache.

Vor allem Sigmar Polke, zusammen mit Beuys, Richter, Baselitz und Kiefer, war es, der den bildenden Künsten in Deutschland wieder zu internationalem Renommee verhalf.

 

Bericht über die jüngste Ausstellung der Künstler in Hamburg

#DieJungenJahreDerAltenMeister

Götz Adriani über die Ausstellung DIE JUNGEN JAHRE DER ALTEN MEISTER

Biografie von Sigmar Polke

Sigmar Polke wird 1941 in Oels geboren. Er beginnt 1959 eine Glasmalerlehre in Düsseldorf, bevor er von 1961 bis 1967 an der dortigen staatlichen Kunstakademie bei Gerhard Hoehme und Karl-Otto Götz studiert. 1963 realisiert er mit Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner die Performance und Ausstellung „Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus“ im Düsseldorfer Möbelgeschäft Berges. Der kapitalistische Realismus wendet sich gegen etablierte Kunstströmungen und soll unter anderem Aspekte der Pop-Art in Deutschland einführen. In den Jahren 1972, 1977 und 1982 nimmt Polke jeweils an der documenta 5, 6 und 7 in Kassel teil. Von 1977 bis 1991unterrichtet er an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. 1986 gestaltet er den deutschen Pavillon der 42. Biennale in Venedig. 2009 schließt er die Neugestaltung der Kirchenfenster am Zürcher Großmünster ab. Polke erhält zahlreiche Auszeichnungen und stellt international aus. Er arbeitet in seinen Werken mit verschiedenen Materialien (zum Beispiel Dekostoffen) und greift häufig massenmediale sowie politische Themen auf. Außerdem beschäftigt er sich intensiv mit den Möglichkeiten der Fotografie. 2010 stirbt Polke in Köln. (Quelle: https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/polke-sigmar)

KREATIVBOX

Die Collage

Der Begriff ‚Collage‘ (= ‚Klebebild‘, von französisch ‚coller‘ = ‚kleben‘), von dem französischen Schriftsteller und Surrealisten André Breton (1896-1966) geprägt, meint diejenige Technik der Bildenden Kunst, bei der durch Aufkleben verschiedener heterogener Elemente, z.B. fein ausgeschnittener Papierstücke oder anderer flacher Materialien, ein neues, zusammengesetztes Ganzes entsteht. So eine Collage kann beispielsweise aus Zeitungsausschnitten, Fotografien, Laub, farbigem Papier etc., auf Leinwand oder festen Untergrund geleimt und so ein neues Ganzes bildend, bestehen. Überträgt man die Technik der Collage auf dreidimensionale Gegenstände, so spricht man von Assemblage.


Im 20. Jahrhundert begannen die Kubisten und Dadaisten mit dem Aufkleben von Elementen zu arbeiten. 1912 ergänzten Picasso (1881-1973) und George Braque (1882-1963) ihre kubistischen Gemälde teilweise mit aufgeklebte Zeitungsausschnitte, Papier-, Tapetenstücken etc. (‚Papier collé‘) – ein Stück greifbare Realität, dass so in die Bilder kam. Auch bedienten sich die Dadaisten des Öfteren der Collage-Technik, mit ihnen z.B. Max Ernst (1891-1976), Vertreter des Dadaismus und Mitbegründer des Surrealismus, welcher Ausschnitte aus Druckgraphiken des 19. Jahrhunderts in seinen Arbeiten zur Verzierung derselben verwendete. Ernst, für den die Collage mehr als nur ein bloßes Stilmittel war, definierte Collage 1962 in seinen biographischen Notizen „Wahrheitsgewebe und Lügengewebe“ wie folgt: Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.

 

Ob Foto-Collage, Papier-Collage, Literatur-Collage oder Klang-Collage, jeder kennt sie oder hat sie schon einmal selbst angefertigt.

Die Collage ist in jeder Form der bildenden Künste vertreten.

Man muss aber nicht immer mit dem Computer arbeiten.

 

 

Anleitung und Beispiele für Text- und Fotocollagen

    1. Spontanes Ausschneiden oder gezielte Suche von z.B. Text- und Fototeilen
    2. Gute Laune beim Legen und Verschieben auf einem passenden Untergrund
    3. Übergänge der Teile sollten bewusst gestaltet werden (harmonisch oder extra brüchig)
    4. Befestigen mit entsprechendem Klebstoff
    5. Weiterbearbeitung mit Farbe, Tusche, Fine Liner o.ä., je nach eigenen Ideen

Textcollage
(z.T. thematisch gezielt angefertigt)

 

Fotocollage
(Darstellung der Veränderung in Form und Aussage)

 

Die traditionelle Herstellung kann meist noch mehr Spaß machen. Was man dazu braucht, hat man eigentlich sofort griffbereit und man muss nur noch loslegen. Bei Collagen sollte man nie lange über ein Konzept nachdenken. Sie wächst meist von allein und die Inspiration kommt beim Betrachten der Fragmente.

Werden Sie zum Erfinder und schicken Sie uns Ihre Collage an einkunsthausfuerjena@gmx.de

 

Wenn Sie die Hilfe eines Künstlers brauchen

Lassen Sie sich von der lockeren Arbeitsweise Sigmar Polkes anstecken und bauen Sie Ihre eigenen Übergänge aus Text-und Fototeilen zusammen. Auch hier ist gute Laune garantiert. Sie erinnern sich sicher: „Er war ja auch ein Schelm!“ verriet Erhard Klein.

 

Viel Freude beim Ausprobieren wünscht Ihnen
Anne Risse

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