KunsthausFrühling n°1

KunsthausFrühling
5. April 2020
KunsthausFrühling n°2
10. April 2020

Kunstgenuss im virtuellen Kunsthaus
… und hoffentlich in Zukunft im realen Kunsthaus am Eichplatz

Herzlich willkommen zum Jenaer Kunsthausfrühling im virtuellen Kunsthaus.

Erich Kuithan: Frühling im Saaletal (um 1908/10, Öl auf Leinwand, Kunstsammlung Jena)


Hören Sie hier den (unten stehenden) Text zum Bild:

Jetzt, da alle Museen geschlossen haben und unser Alltag auf dem Kopf steht, möchten wir Sie zu einem virtuellen Museumsbesuch einladen.

Jede Woche möchten wir Ihnen ein anderes Werk aus  der Kunstsammlung  Jena vorstellen, es in unsere Zeit hinüber holen, und Ihnen  einige  Erläuterungen zu Werk und Künstler geben.

Und wenn sie Zeit und Muse haben, dann laden wir Sie zu unseren Kreativangeboten ein.   Schauen Sie hinein in unsere Kreativbox, da gibt es jede Woche verschiedene interessante Anregungen und Anleitungen für Sie.

Während wir wegen der Infektionsgefahr drin in unseren Wohnungen abwarten müssen, entfaltet sich draußen der Frühling in all seiner Pracht. Für den Beginn unseres virtuellen Rundgangs möchten wir Ihnen ein Frühlingsbild aus unserer Sammlung vorstellen. Ein wunderbares Bild, mit dem Erich Kuithan den „Frühling im Saaletal“ vor etwas mehr als 110 Jahren einfängt.

Stellen Sie sich vor, sie ständen am Rande der Wiese, auf der zwei Frauen sitzen. Diese sind an diesem lichtdurchfluteten Frühlingstag hinausgewandert auf eine Anhöhe über der Saale, haben sich mitten auf der Wiese niedergelassen und scheinen ins Gespräch vertieft. Vor ihnen spannen blühende Obstbäume ihre Äste auf, ein  frisch gepflügtes Feld strebt zur Saale hinunter. Die fließt türkis flimmernd  in großem Bogen gemächlich durch das blasse Grün der Landschaft, vorbei an einem Laubwäldchen und durch eine steinerne Brücke hindurch. Im Hintergrund schimmern in zartem Blau die Kalkfelsen des Flussufers und noch weiter hinten ein Dorf, kaum zu erkennen. Und nahe dem rechten Bildrand scheint sogar die Leuchtenburg auf ihrem rundlichen Felsmassiv  zu thronen. Alles überspannt eine Wolkendecke, durch die sich die Sonnenstrahlen ihre Bahn brechen, sich über die gesamte Landschaft ergießen und alles in ein pastellweißes Licht tauchen.

Ob Erich Kuithan wohl hier gestanden hat mit seiner Staffelei im Frühling des Jahres 1908?

Mit Sicherheit hat er diese Landschaft vor Ort skizziert, vielleicht auch Farbstudien angefertigt, aber das Bild selber muss wohl im Atelier im obersten Stockwerk des Volkshauses entstanden sein, denn es wäre mit seinem stattlichen Format von 84 x 98cm etwas zu groß gewesen, um es durch die Landschaft zu transportieren.

Erich Kuithan, 1875 in Bielefeld geboren, mit 13 Jahren nach München umgesiedelt, besucht nach dem Abitur eine Münchner Zeichenschule und studiert in der Pinakothek die Werke der alten Meister. Er siedelt ins Voralpenland über, macht dort Bekanntschaft mit verschiedenen Künstlern und Intellektuellen, unternimmt mehrere Studienreisen, u.a. nach Italien.

1897/98  stellt Kuithan erstmalig ein Bild aus. Im Münchner Glaspalast kann er seinen „Frühling im Voralpenland“ auf einer internationalen Kunstausstellung präsentieren. Zu dieser Zeit war seine Farbpallette noch wesentlich dunkler, sein Pinselstrich fester und flächiger. Er steht im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Bild um Bild ringt er um seine Abkehr von der naturalistischen Auffassung der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, die eine sachlich nüchterne Beobachtung der Natur verlangt. Er schließt sich der neuen Generation Münchner Künstler an, die mittels der psychischen Wirkung organischer Linienzüge     seelische Empfindungen beim Betrachter hervorrufen wollen. Jene „Befreiung der Linie“ war der ästhetische Ausgangspunkt  der Jugendstilbewegung.

Schauen wir, was davon in unserem Bild zu finden ist. Ganz prägnant im Vordergrund      die gewundenen Stämme der Obstbäume mit ihren wild ausgreifenden Äste. Die Baumstämme  stehen in Korrespondenz mit dem Zopf der Frau im weißen Kleid und weiter hinten im Bild geben die vielen kleineren Baumstämme einen vertikalen Rhythmus vor. Horizontal grenzen geschwungene Linien die einzelnen Bildebenen klar voneinander ab; er umrandet die Felder und Uferflächen förmlich.

Dann aber, und da kommt der Impressionismus durch, gelingt es ihm mit lockerem Pinselstrich und feinen pastelltonigen Farbtupfen, das flirrende Sonnenlicht, die laue Luft, die Düfte und sogar das Gezwitscher der Vögel dieses Frühlingstages für uns einzufangen. Und damit zieht er den Blick des Betrachters in seinen Bann, lädt uns zum Verweilen ein, lässt uns zur Ruhe kommen, so wie die beiden Frauen  vertieft sind in ihr Gespräch, können wir uns vertiefen in unsere Gedanken. …

Das Thema Frühling beschäftigt Kuithan immer wieder. Frühling bedeutet immer auch Aufbruch und Neuanfang. Er schließt sich der Lebensreformbewegung an, die in Deutschland um die Jahrhundertwende als Reaktion auf die schädigenden Einflüsse der Industrialisierung  aufkommt. Auf verschiedenen Gebieten werden neue Wege beschritten, dazu gehören die Ernährungs-, Sexual- und Kleiderreform, auch pädagogische Reformen halten bei der Erziehung der Kinder mancherorts Einzug, außerdem Freikörperkultur, Heimatschutz und Naturheilkunde. Kuithan entwarf das sogenannte Reformkleid, das auch die Damen seines Jenaer Kreises gern trugen. Und auch auf unserem Bild scheinen die beiden Frauen mit einem solchen lockeren Gewand bekleidet zu sein.

Kuithan kam 1903 nach Jena mit dem Auftrag, für die Carl-Zeiss-Stiftung eine freie Zeichenschule zu gründen. Damit begann seine zweite Schaffensphase. Die meisten Leute wissen gar nicht, wie viele künstlerische Spuren er als Lehrer und Künstler hier in Jena hinterlassen hat. Wer da genauere wissen möchte, dem kann ich nur wärmstens die beigefügten Texte von Erik Stephan und Wiebke Havenstein empfehlen, die 2017 anlässlich der Ausstellung   zum 100. Todestag Kuithans  für den Katalog verfasst wurden. Eine spannende Lektüre, bei der Stadtgeschichte durch einen besonderen Blickwinkel erlebbar wird.

Kuithan war trotz seines beginnenden Lungenleidens, an dem er im Alter von nur 42 Jahren starb,  in seiner Jenaer Zeit äußerst produktiv, obwohl schon 1908 seine Zeichenschule, die sich unter dem Dach des Volkshauses befand,  aus Spargründen der Stiftung wieder geschlossen werden musste. Deshalb kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob unser Bild vom „Frühling im Saaletal“ wirklich im Volkshaus von Kuithan gemalt wurde, oder ob er zwischenzeitlich ein anderes Atelier bezogen hatte. Wie dem auch sei, ein fantastisches Bild.

Und wenn Sie nun Lust bekommen haben, sich selber der Landschaftsmalerei zu widmen, dann finden Sie in unserer Kreativbox eine Anleitung. Vielleicht zieht es Sie dann auch nach draußen zum Zeichnen, mit dem nötigen Sicherheitsabstand dürfte das wohl erlaubt sein.

Bleiben sie gesund und kreativ bis nächste Woche
Ihre Heidrun Schrade

Biografie von Erich Kuithan (Autor: Erik Stephan, Kunstsammlung Jena)

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KREATIVBOX

Wenn man in der Landschaft steht, ist es oft gar nicht so einfach, den Bildausschnitt richtig abzugrenzen und die Weite der dreidimensionalen Landschaft auf die zweidimensionale Bildfläche zu übertragen.

Es gibt da einige Tricks, die ich hier noch einmal auflisten möchte. Zum Teil sind sie in der Schritt-für-Schritt-Anleitung enthalten.



– Generell ist zu empfehlen, immer erst dünn vorzuzeichnen und erst später das mit einem weichen Stift stärker hervorzuheben, was wirklich zu sehen ist. Der Radiergummi sollte so wenig wie möglich verwendet werden.
 

        – Bildformat eingrenzen, sodass man wie durch einen Bilderrahmen schaut.

         – Sortieren der Bildebenen, indem man prüft, wo sich markante Linien des Vordergrundes, des Mittelgrundes und des Hintergrundes befinden. Z.B. liegt das Ufer der Saale in unserem Beispiel im Vordergrund etwa im ersten Drittel von unten und der Hintergrund, die Horizontlinie vor dem Bergmassiv, markiert die Grenze zum oberen Drittel. Kuithan folgt damit der klassischen Drittelregel für die spannungsvolle Komposition, die im Goldenen Schnitt mündet.

          – Markante Motive als Silhouetten einzeichnen, dabei nutzt man geometrische Formen.

          – Weitere allgemeine Tipps zur Erzeugung von Räumlichkeit:

·       Gleichgroße Motive werden von vorn nach hinten immer kleiner dargestellt.

·       Motive im Vordergrund überschneiden die Motive im Hintergrund

·       Bei der Verwendung eines Fluchtpunkts laufen alle Linien vom Vordergrund zum Hintergrund auf einen zentralen Punkt zu, z.B. bei einer Straße oder einer Baumallee

·       Senkrechten bleiben immer senkrecht

Das Bild von Kuitahn ist für den Einstieg schon sehr komplex, da es viele Bildebenen mit zahlreichen Details enthält. Es empfiehlt sich oft, erstmal mit etwas einfacheren Motiven zu beginnen. Das Zeichnen nach Gemälden oder Fotos ist eine gute Vorübung zur Arbeit im Freien, das ist nochmal etwas schwieriger.

Aber Übung macht den Meister. Also los geht’s.

Sie werden viel entdecken und merken, dass Zeichnen eine unheimlich beruhigende Wirkung haben kann.
Viel Spaß dabei!

KREATIVBOX PLUS

Hier noch ein paar Impulse für Sie.

Schauen Sie, was Sie anspricht und legen Sie los.

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Rückmeldungen, Bilder oder Fotos senden an einkunsthausfuerjena@gmx.de
Bitte vermerken Sie auch, ob wir Ihre Einsendung auf unserer Webseite veröffentlichen dürfen.

 

  • Suchanfrage:

Von welchem Standort im Saaletal aus hat Erich Kuithan diesen Bildausschnitt gemalt? Bitte Ortsangaben und Foto zusenden.

 

  • Fotoaktion:

Machen Sie auf Ihren Spaziergängen  aktuelle Fotos vom Frühling im Saaletal, diese können Sie gut als Zeichenvorlage verwenden. Auch hier sind wir gespannt auf Ihre Fotos.

 

  • Tägliche Zeichenübung

Stellen Sie sich einen Ast mit Knospen in ein Glas, z.B. Kirsch-oder Apfelzweige.

Fertigen Sie jeden Tag eine kleine Zeichnung davon an und verfolgen Sie so das Wunder des Frühlings. Damit schulen Sie Ihre Beobachtungsgabe und die Geschicklichkeit und Lockerheit Ihrer Hand.

 

  • Illustrationen

Schreiben Sie ein Frühlingsgedicht ab oder schreiben Sie eins selber und illustrieren Sie es mit kleinen Frühlingsboten

 

Versuchen Sie sich doch mal an einem Elfchen, das ist ein Gedicht aus 11 Wörtern, die nach einem bestimmten Schema gesetzt werden. Damit kann man seine Gedanken  kurz und knapp auf den Punkt bringen. Hier die Anleitung mit einem aktuellen Beispiel:

 

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Thema

erster Eindruck, Untertitel

genauere Beschreibung

Meinung, Wertung

Fazit

Frühling

ganz anders

doch voller Leben

Hoffnung summt im Blumenkasten

Quarantäne

 

 

 

1 Kommentar

  1. vielen Dank für den Beitrag und das Frühlingsbild.. Allerdings würde ich nicht von Einflüssen des Impressionismus ausgehen. Vielmehr sehe ich einen deutlichen Einfluß der Malerei des Schweizers F.Hodler- in der Farbigkeit, im Duktus und der seiner Theorie des sog. Parallelismus….Wie auch immer, ein schönes, interessantes Bild!

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